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LESEZEICHEN :

Vom Schmökern und vom Wissen

Beim Aufräumen fiel mir eine Illustrierte in die Hand, in der über das Ende der gedruckten Brockhaus-Enzyklopädie berichtet wird. Die aktuelle 21. Auflage werde wohl der letzte gedruckte Brockhaus überhaupt sein. Der Verlag setzt nun ganz aufs Internet. Der gute alte Brockhaus, der stolze Wissensschatz unserer Eltern und Großeltern, eineinhalb Meter repräsentative enzyklopädische Bildung, 30 schwere Bände Ausdruck bürgerlichen Bildungsbewusstseins und abendländische Traditionspflege, über Generationen eine einmalige (teure) Anschaffung fürs Leben.

Lexika gehörten über Generationen zur Grundausstattung jedes bürgerlichen Haushalts. Und wenn man sich keinen Brockhaus leisten konnte, dann gab es noch Meyers Enzyklopädisches Lexikon oder eines der zahlreichen Volkslexika. Denn selbst mit diesen konnte man lange Nachmittage, Abende oder Nächte verbringen und das machen, was ich bis heute mit Lexika verbinde und am liebsten mache: schmökern! Die Welt ein Sammelsurium irgendwo zwischen Talent, Talgdrüsen und Taliban, Talkshow, Talsperre und Talleyrand, Tamariske, Tambourin und Tangerine Dream; Querverweise von Band 7 zu Band 19 und von dort über Band 4 zu Band 1 und 12 und so immer weiter, stundenlang, bis alle Bände aufgeschlagen auf dem Fußboden liegen; im Universum blätternd, dem japanischen Meister buddhistischer Holzskulptur, Unkei, aus dem 12 Jahrhundert begegnen und, weil‘s gerade auf der selben Seite steht, noch den Artikel über Unkrautbekämpfungsmittel lesen. Draußen prasselt der Regen gegen die Fenster, es ist dunkel geworden. Die hypnotische Neugier hält mich gefangen zwischen zwei Buchdeckeln. Ich blättere und lese und folge dem ziellosen Pfad von Verweisen.

Die Welt ein Buch

Die Logik der Enzyklopädisten, das Wissen der Welt alphabetisch zu ordnen, ist nützlich und absurd zugleich. Nützlich, weil man schnell findet, was man sucht; absurd, weil nach Mieder gleich Mielke und nach der Tarifzone Tarik Ibn Sijad folgt. Die Vorstellung, dass die Welt sich ordnen lässt, dass ein logisches System das Wissen der Menschheit bündeln und verfügbar macht, dass man dem Universalitätsanspruch in Form eines Universallexikons, einer Enzyklopädie gerecht werden kann, diese Vorstellung wurde erst im 20. Jahrhundert erschüttert.
Einer der Gründe liegt in der Dynamisierung des Wissens; wachsende Spezialisierung und wachsendes Wissen selbst innerhalb immer kürzerer Zeitabstände, stellen die Dauerhaftigkeit von vermeintlich unerschütterlichem Wissen in Frage. Der Geschwindigkeit mit der neues Wissen erworben und bisher gültiges Wissen obsolet wird, kann eine Enzyklopädie wie der Brockhaus nicht Rechnung tragen; Recherche, Redaktion und Druck allein nehmen so viel Zeit in Anspruch, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Teile des Lexikons bereits veraltet sind. Wer aktuell informiert sein will, greift daher in die Tasten und befragt das Internet; genauer gesagt, er befragt Wikipedia. Der aktuelle gedruckte Brockhaus zählt rund 300.000 Stichworte. Das deutsche Wikipedia knapp 800.000, die freie, mehrsprachige Wikipedia-Enzyklopädie ist mit 10.000.000 Stichwörtern der Riese unter den Lexika.

Vorboten der Revolution

Doch das alleine sagt wenig. Aussagekräftiger und vor allem entscheidender für die Entscheidung dem Internet den Vorzug vor der gedruckten Ausgabe des Brockhaus zu geben, ist die Tatsache, dass sich eine internetbasierte Enzyklopädie editieren und verlinken lässt. Jede neue Entwicklung und jede aktuelle Veränderung geht direkt in den Artikel ein. Und die Verlinkung der Artikel bietet nicht nur ergänzende Informationen, sondern verführt zu dem, was im Buchzeitalter „schmökern“ hieß, es lädt zum „surfen“ ein. Der Traum vom universellen Wissen, wie ihn die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts träumten, hat bis heute nichts von seiner visionären Kraft verloren. Die Vorrede zu den 1751 erschienenen ersten Veröffentlichung der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert liest sich erstaunlich aktuell und zeitgemäß, und das Internet scheint die Fortsetzung ihres großen verlegerischen Projekts zu sein: „Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen und mithilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien genauer zu erfassen [...] es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, [...] ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen.“ Dieses Verständnis von der Darstellung und Präsentation menschlichen Wissens war ein aufklärerisches. Es war den Herrschern der Zeit ein Dorn im Auge und die Autoren hatten gegen Druckverbote und Zensur zu kämpfen.
Die Encycopédie war ein wichtiger Vorbereiter der Französischen Revolution. Sie war Ausdruck eines sich verändernden Denkens, Ausdruck des Primats der Vernunft und Bekenntnis zu kritischem Denken. „Dieses Werk wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unterdrücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen werden. Wir werden der Menschheit gedient haben.“ schreibt Diderot. Heute, wo sich die Enzyklopädien vom gedruckten Buch verabschieden, wo das Wissen der Welt in seinen Verflechtungen und Querverbindungen in den Enzyklopädien im Internet zu finden ist, findet auch eine Umwandlung der Geister statt. Die Kritik gegenüber der vermeintlichen Flüchtigkeit und Unbeständigkeit des Internets ist hartnäckig. Nicht selten ist sie auch getragen von einer allgemeinen Technikfeindlichkeit und der Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen, deren Folgen und Wirkungen nicht absehbar sind.

Wer ändert sich?

Nichts ersetzt den sinnlichen Genuss, den das Lesen eines Buches, den das Blättern in einem Lexikon verschafft. Sich in ein Buch zu versenken, die Welt um sich herum zu vergessen, einzutauchen in Geschichten und Biografien, gehört zum menschlichen Selbstverständnis. Nichts aber ersetzt auch den Nutzen des Internets als Medium, das der Veränderung, der Dynamik und der Halbwertszeit unseres Wissens wie kein anderes Rechnung trägt.
Der französische Historiker Roger Chartier schrieb den klugen Satz „Ein Buch ändert sich, indem wir uns ändern.“ Mit anderen Worten: unsere Lebens- und Erfahrungswelt bestimmt unseren Blick auf ein scheinbar so unveränderliches Ding wie ein Buch. Ein Buch, das wir nach mehreren Jahren ein zweites Mal lesen, ist in unserer Wahrnehmung nicht identisch mit demselben Buch, als wir es zum ersten Mal lasen. Veränderungen verunsichern und bereichern. Sie irritieren und sie treiben an.
Eine Enzyklopädie des menschlichen Wissens ist ein dauernder Prozess. Sie ist kein auf ewige Zeiten zwischen zwei Buchdeckeln eingeschlossenes Vermächtnis für die Nachwelt. Das hat auch der Brockhaus-Verlag in Form massiver Absatzschwierigkeiten zu spüren bekommen. Die Konsequenz, das Projekt Brockhaus Enzyklopädie in 30 gedruckten Bänden mit der 21. Auflage zu beenden und fortan nur noch im Internet präsent zu sein, ist das Ende einer Epoche und das Anerkenntnis einer sich ändernden Medienwelt. Es ist ein Schritt in die Zukunft, der Signalwirkung hat.

Literaturtipp: Die Welt der Encyclopédie. Ediert von Anette Selg und Rainer Wieland, Frankfurt a.M. 2001

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Von grauen Damen und neuen Ufern

Damals, zu Studentenzeiten, gehörte der Samstagmorgen für mich zu den echten Höhepunkten der Woche. Samstagmorgen nämlich hieß: ausgiebiges, bis in die Mittagsstunden zelebriertes Frühstück. Ausgiebig sowohl was den Kaffeekonsum, als auch was die Zeitungslektüre anbetraf.

Damals, als die Namen der Zeitungen noch groß und echte Namen waren, damals, als das Lesen der FAZ noch ein politisches Bekenntnis war, ebenso wie die Lektüre der Frankfurter Rundschau ein politisches Gegenbekenntnis, damals gab es auf dem deutschen Zeitungsmarkt rund 600 Zeitungen. Rund 250 mehr als heute. Ob es dadurch damals auch mehr Meinungs- und Informationsvielfalt gab, das wage ich heute zu bezweifeln. Mir jedenfalls reichten am Samstagmorgen meist vier oder fünf Zeitungen: Nachrichten aus aller Welt, Kommentare verschiedener politischer Richtungen, Hintergrundberichte, Reportagen, Feuilleton und ein bisschen Klatsch und Lokales. Ich vermisse keins der eingestampften, wegrationalisierten oder in überregionalen Ausgaben aufgegangenen Blätter. Schließlich gibt es sie ja noch, die großen, die bedeutenden Zeitungen: die „Süddeutsche Zeitung“, die „Welt“, die „Financial Times Deutschland“ und natürlich auch eine der bedeutendsten Zeitungen der Welt, um nicht zu sagen: die Zeitung schlechthin, die „New York Times“. Diese vielleicht aber nicht mehr lange. Denn nach den Worten ihres Herausgebers Arthur Ochs Sulzberger, ist die Einstellung der gedruckten „New York Times“, der „Gray Lady“, wie sie respektvoll genannt wird, nicht ausgeschlossen. Ob die „New York Times“ in fünf Jahren noch gedruckt werde, sei ihm „egal“.

In Anbetracht der Hysterie, in die deutsche Zeitungsverleger mit Blick auf sinkende Auflagen, wegbrechende Anzeigenkunden und schwindende Leserzahlen verfallen, ist die Gelassenheit von Arthur Sulzburger überraschend. Denn auch die Verlagsgruppe der „New York Times“ hat im vergangenen Jahr kräftige Verluste eingefahren. Von 570 Mio. Dollar ist die Rede. Deutsche Verleger wären angesichts solcher Einbußen vermutlich schon ins Koma gefallen. Sulzberger aber ist nervenstark, zudem Optimist und Pragmatiker. Unter den im Internet vertretenen Zeitungen ist die „New York Times“ führend. Im vergangenen Jahr hat sie ihre Online-Leserschaft auf 1,5 Millionen pro Tag verdoppelt. Kein Wunder, nutzen doch nur 10% der US-Amerikaner die Zeitung als Nachrichtenquelle, gegenüber knapp 50%, die ihre Informationen in erster Linie aus dem Internet beziehen.

Die Zuspitzung der Medienkonzentration in Deutschland, der Anfang der 90er Jahre vor allem die Lokalzeitungen und ihre Redaktionen zum Opfer fielen, hat deutliche Spuren hinterlassen. Sie hat ganz wesentlich dazu beigetragen, dass große Zeitungsverlage sich heute nur zögernd oder unwillig dem Medium Internet öffnen. Zwar hat mittlerweile jede deutsche Zeitung einen Internetauftritt – vor gut zehn Jahren waren es weltweit gerade einmal 200 –, aber nach wie vor überwiegen in den Köpfen vieler Zeitungsverleger die Kampfvokabeln „Konkurrenz und Konfrontation“, wenn sie ans Internet denken.

Doch statt sich einer Entwicklung zu verweigern oder sich ihr sogar durch Hinweis auf die gewachsene Tradition der Zeitung entgegenzustellen, würden die Zeitungsverlage ihre traditionelle Rolle glaubhafter vermitteln, wenn sie sich auf eine der zentralen Säulen ihres Selbstverständnisses besinnen würden: ihre Aktualität. „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“ Mit diesem Versprechen wurden und werden Zeitungen gedruckt. Und das über Generationen mit Erfolg. Jede technische Möglichkeit, die eine größere Aktualität versprach – von den Nachrichtenagenturen über die Telegrafen bis hin zu Telefon und Fernschreiber – haben die Zeitungsverlage genutzt, um ihren Lesern ein Höchstmaß an Aktualität zu bieten und im Wettbewerb zu bestehen.
Heute müsste der lange gültige Slogan anders heißen: „Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute.“ Sicher kein Slogan, mit dem man erfolgreich wird. Tatsache aber ist, dass die aktuellsten Nachrichten und Informationen im Internet zu finden sind – lange bevor die Zeitung in Druck geht. Mit Konfrontation und Starrsinn ist hier nichts zu gewinnen. Gefragt sind Kooperation, Zusammenarbeit und die Nutzung von Synergien.

Arthur Sulzberger meint, dass sich seine Zeitung, die graue Dame „New York Times“ auf einer Reise befinde, einer Reise, die an dem Tag zu Ende gehe, an dem das Unternehmen entscheide, das Blatt nicht länger zu drucken. Den Aufbruch des amerikanischen Verlegers, auf zu neuen Ufern, teilen die meisten seiner deutschen Kollegen nicht. Sie hocken auf den Bäumen und sehen zu, wie das Wasser steigt. Sie laufen Gefahr, dass der Strom der Veränderung an ihnen vorbei zieht. Und sie bauen keine Boote, sondern harren mürrisch aus, in der Hoffnung, dass das Internet nur ein böser Albtraum ist, aus dem sie bei Tagesanbruch erwachen. „Damals“ kommt nicht wieder. Und für viele wird die Zeit knapp, aus ihren Zeitungen noch fahrtüchtige Boote zu falten.

Anders, besonders, austauschbar. Oder: Wie Städte ihren Ruf ruinieren.

„Mein Spree-Athen“, „Paris des Ostens“, „Venedig des Nordens“ oder „Nizza am Rhein“… Die meisten Vergleiche hinken meistens etwas, manche sogar sehr. Warum Warschau und Shanghai die Etikette „Paris des Ostens“ anhängt, ist ausgesprochen unglücklich. Und dass sowohl Amsterdam, Stockholm, St. Petersburg und zahlreiche unbedeutendere Städte mit dem Zusatz „Venedig des Nordens“ versehen werden, ärgert mich. Sich mit fremden Federn zu schmücken, statt die Einzigartigkeit einer Stadt oder Region herauszustellen und zu kultivieren, zeugt von einer Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Vom Image bedeutender Metropolen zu profitieren ist ein beliebtes Mittel des Stadtmarketing.

Ein billiges Mittel wie ich finde. Billig, einfallslos und in vielen Fällen auch noch zur Lächerlichkeit verdammt. „Venedig des Nordens“, das ist nicht das Original, das ist zweite Wahl, eine Kopie, selten ein kleiner Bruder, im besten Falle eine geltungssüchtige Schwester. Venedig ist Venedig. Und Nizza? Sind Sie schon einmal in Nizza gewesen? Haben Sie schon einmal vor dem Gare de Nice gestanden oder vor dem klassizistischen Rathaus von Nizza? Sind Sie schon einmal nachts über den Strandboulevard geschlendert, vorbei an Palmen und haben dann die Côte d'Azur entlang geblickt, in Richtung Monaco oder Antibes? Wenn nicht, dann versuchen Sie es doch einmal im Nizza am Rhein. Werfen Sie einen Blick auf den belebten Hauptbahnhof, genießen Sie die unverwechselbare Atmosphäre vor dem städtischen Rathaus, und flanieren Sie auf den breiten von authentischen Pflanzkübeln gesäumten Boulevards. Wie prominent der Schöpfer des fragwürdigen Vergleichs, Bad Honnef sei das Deutsche Nizza am Rhein, auch sein mag: selbst Universalgelehrte wie Alexander von Humboldt können mal daneben liegen. Außerdem: sprach er nun vom rheinischen Nizza, vom deutschen Nizza am Rhein und meinte er überhaupt Bad Honnef oder hatte er doch eher Linz im Sinn?

Sollte sich nach Ihrem Rundgang durch Bad Honnef also kein echtes Nizza-Feeling einstellen, ist das noch lange kein Grund zur Beunruhigung. Denn andere Städte sind in der Wahl ihres Slogans noch schmerzfreier. Beispiel Halle. Dort heißt es kurz und unmissverständlich: „Halle, die Stadt“, also nicht zu verwechseln mit „Halle, die Turnhalle“. Um sich von der nimmermüden und erbarmungslosen Konkurrenz möglichst deutlich abzusetzen, möchten sich viele Städte „anders“ darstellen. Besonders gelungen: „Wien ist anders“ oder „Hückelhoven - immer anders“ und schließlich von unschlagbarer Originalität: „Ludwigshafen: überraschend anders“. Unsere Nachbarn werden uns beneiden. Denn ein solches Feuerwerk an Kreativität und Unverwechselbarkeit findet sich wohl nur in Deutschland, dem „Land der Ideen“.

Statt kostspielige Aufträge an Agenturen zu vergeben, deren Herz für alles Mögliche, nur nicht für die Stadt und ihre Menschen schlägt, haben einige Städte das Sparmodell entdeckt. Aus den Reihen der städtischen Verwaltungsbeamten werden dazu einfach die „besten“ Vorschläge ausgewählt. Vorteil: kurze Wege, geringer Aufwand und garantiert keine lästige Bürgerbeteiligung. Nachteil: Die Resultate taugen meist gerade mal für den Papierkorb.

Der Rhein-Sieg-Kreis hat sich nun auch für die kostengünstige Variante entschieden. Dafür aber mit Bürgerbeteiligung. Zum Jubiläum „40 Jahre Rhein-Sieg-Kreis“ ruft der Landrat Frithjof Kühn einen Wettbewerb aus. Gesucht wird ein markanter Satz, „eine anschauliche Formulierung“ oder eine „aussagekräftige Wortgruppe“. Der Slogan sollte „kurz, prägnant“ und ganz wichtig! „treffend“ sein. Dafür gibt’s dann eine Urkunde und 500,- Euro. Na, bravo! Mir kommt das alles etwas provinziell vor, gut gemeint und hausbacken. Wie wär’s mit „Image fängt beim Inhalt an“?

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LESEZEICHEN: Haare Krishna

Friseure sind produktive Vermarkter. Auf diesen Gedanken zumindest kann man kommen, wenn man die Vielzahl der Geschäftsnamen betrachtet, mit denen sich meist kleine bis mittlere Handwerksbetriebe der schneidenden Zunft schmücken. Die Konkurrenz im Gewerbe von Schnitten und Frisuren ist groß. In vielen Städten sind ganze Straßenzüge mit Friseurgeschäften gepflastert. Und neben Pizzaservice und Frittenbude ist wohl kein anderes Gewerbe dermaßen beliebt bei jungen Gründern, wie das Friseurhandwerk. Gegessen und getrunken wird immer, heißt es. Und Haare? Sie wachsen gewöhnlich unkontrolliert und zur Freude der Friseure unaufhörlich und immer wieder nach.

Wo ein Angebot sich nicht vom anderen unterscheidet, da ist Originalität gefragt – Originalität in der Vermarktung. Was im Fachjargon „Alleinstellungsmerkmal“ heißt, also die Darstellung dessen, was ein Unternehmen von der Konkurrenz eindeutig unterscheidet und abgrenzt, heißt beim gemeinen Friseurgewerbe ganz einfach: ein origineller Name muss her!

Was die Kreativwerkstatt der Haardesigner sprachlich auf die Schaufensterscheiben bringt, lässt mir teilweise allerdings die Haare zu Berge stehen:
„Kopfsache“, „Kopfarbeit“ und „Hauptsache“ sind mittlerweile gnadenlose „Klassiker“, also Namen von Geschäften, an denen man vorbeigeht, weil es da offenbar nicht Neues gibt. „Haargenau“ ist haargenau das, was mich nicht neugierig macht, ebenso wenig wie „Haarmonie“ oder „Haarklinik“. Letztere ist ohnehin eher zum Weglaufen; wer will mit seinen Haaren schon ins Krankenhaus. Auch „Haaralarm“ erinnert mich eher an schrille Frisuren und haarige Experimente. Da gefallen mir „Haar-Stübchen“ oder „Lockenstube“ schon besser. „Haarzogtum“ ist reichlich an den Haaren herbeigezogen; wohingegen sich „Lockenbaron“, „Struwelpeter“ und auch „Locke & Glatze“ durchaus locker vom glatt gebürsteten Einerlei abheben. „Haarscharf“ und „pro Kopf“, „hair affair“ und „hair flair“ sind eindeutig schwach verglichen mit „haarspree“, einem Namen, der natürlich nur in Berlin funktioniert.

Haare hin, Glatze her: was der Kunde sucht - machen wir uns nichts vor - ist ein Haarschnitt, der zufriedenstellt. Ein mehr, meist jedoch weniger origineller Name reicht da nicht aus. Und wenn es darum geht, ein gutes Image zu etablieren, so taugen Namen nur dann zur Imagebildung, wenn Qualität und Service stimmen, wenn ich gut bedient werde, mit dem Ergebnis zufrieden bin und schließlich gerne wiederkomme. Wenn der Haarschnitt misslungen ist, taugt auch der beste Name nichts.

Namen sind kostbar. Sie sind Imageträger. Sie leben vom Engagement und von der Leistung eines Unternehmens. Wo diese fehlen, wird auch der Name selbst zum Träger von Defiziten.

Was für Friseure gilt, gilt auch für andere Branchen. Namen sind eyecatcher, die ihr Versprechen täglich aufs Neue einlösen müssen.
Übrigens: mein Friseur heißt schlicht „Friseur Schmitz“. Den Namen behalte ich nach jedem Besuch in guter Erinnerung.

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Sind Sie ein Umweltaktivist?

Erinnern Sie sich noch an den 25. November 1973? Es war ein Sonntag. Und es war ein ganz besonders ruhiger, ein stiller Sonntag. Der 25. November vor 35 Jahren war der erste von insgesamt vier autofreien Sonntagen in der Bundesrepublik. Eingeführt worden war er als Reaktion auf die damalige Energiekrise. Ein zwei Wochen zuvor verabschiedetes Gesetz machte es möglich, und Fußgänger und Fahrradfahrer bevölkerten scharenweise die freien Autobahnen. Bereits Monate zuvor hatten sich deutschlandweit Fahrgemeinschaften gebildet. Statt allein im eigenen PKW zur Arbeit zu fahren, waren die Autos jetzt zunehmend mit ein, zwei oder drei Mitfahrern besetzt. Man wechselte sich ab, knüpfte neue Kontakte und freute sich bereits auf den nächsten autofreien Sonntag. Und Tramper gab es damals auch noch.

Wie sich die Zeiten ändern. An autofreie Sonntage denkt hierzulande niemand mehr, und statt der Gründung von Fahrgemeinschaften hat jeder Tramper heute sein eigenes Auto und damit sein Dasein als gesellschaftliche Randgruppe selbst ausgelöscht. Stattdessen wachsen die Klagen über steigende Energiepreise. Außer zaghaften Boykottaufrufen fügt man sich ganz offenbar ins Unvermeidliche. Natürlich wird gejammert. Aber ebenso natürlich wird getankt. Und wenn man den Angaben der Mineralölwirtschaft glauben darf, dann sparen die Verbraucher nicht am Sprit und suchen auch nicht nach alternativen Fortbewegungsarten. Wie auch? Wer täglich 70 km zur Arbeit fahren muss, kann schwerlich aufs Fahrrad umsteigen. Und mit der systematischen Stilllegung zahlreicher Nebenstrecken, stellt die Bahn für viele Berufspendler auch keine Alternative dar. Die Zahl der PKW-Neuzulassungen sank dennoch 2007 gegenüber dem Vorjahr um 9,2 %.

Aus Protest gegen die hohen Spritpreise hat nun ein 30 Jahre alter Arbeitsloser aus Bayern in Frankfurt am Main sein eigenes Auto abgefackelt. Die Polizei berichtet, dass der Mann seinen Protest eigentlich in Berlin habe vorbringen wollen. Ob er den Weg dorthin nicht gefunden hat oder aber ob die Tankfüllung nur bis Frankfurt gereicht hat, ist nicht bekannt. Der verzweifelte Mann ist wohl etwas zu kurz gesprungen. Nun wird er sich wegen Luft- oder Bodenverschmutzung verantworten müssen. Immerhin hatte er das Fahrzeug abseits geparkt, so dass man ihn wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung nicht wird belangen können.

Diese brachiale Methode ist sicher nicht geeignet Einfluss auf die Energiepreise zu nehmen. Den Schaden hat der Verursacher. Intelligenter Umweltaktivismus sieht anders aus. Wie wär‘s mit einem freiwilligen autofreien Sonntag oder der Gründung einer Fahrgemeinschaft? Vielleicht fragen Sie nächste Woche mal Ihren Chef, ob sie sich in Zukunft die Fahrten zur Arbeit mit ihm teilen können. Das würde Sie als kostenbewussten und sparsamen Mitarbeiter auszeichnen und Ihren Chef, sollte er Ihr Angebot ausschlagen, vielleicht dazu bewegen, Ihnen stattdessen eine Gehaltserhöhung zu geben.

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Geh was raus spielen, Opa!

Gut, die Alten werden immer jünger. Aber ob man deshalb gleich Spielplätze für sie einrichten soll? In Troisdorf jedenfalls macht sich genau dafür jetzt der Kommunalpolitiker Leo Müller stark. Wenn es nach ihm ginge, würden bald neben den Kinderspielplätzen, die im regelbesessenen Deutschland nur von Menschen bis zum zwölften Lebensjahr genutzt werden dürfen, Seniorenspielplätze entstehen – ausgestattet dann natürlich nicht mit Rutsche, Sandkasten und Klettergerüst, sondern mit altersgerechten Geräten.
Immerhin ist es bei unseren französischen Nachbarn Tradition, dass sich die Alten im Stadtpark zum gemeinsamen Boule-Spiel treffen. In Spanien gibt es bereits seit Jahren Seniorensport im Outdoorpark und in China gehört die kollektive Turnstunde für Rentner mitten in der Stadt zum Alltag.
Hierzulande gibt es zwar zahlreiche Sportvereine, Volkshochschulen und private Initiativen, die Sportprogramme für Senioren anbieten. Im öffentlichen Leben allerdings sucht man Plätze, auf denen Menschen über 60 sportlich aktiv sein können, vergeblich.
Der alte Deutsche oder der deutsche Alte verlegt seine Aktivitäten entweder in die eigenen vier Wände, wo er am Hometrainer für körperliche Ertüchtigung sorgt, oder er geht in die öffentlichen Hallenbäder, wo er sich meist zu kleinen Gruppen Gleichgesinnter zusammenschließt und zwischen sieben und acht Uhr morgens, bevor die Schulklassen die Bäder stürmen, stumm seine Bahnen zieht. Vermehrt werden seit einigen Jahren auch die sogenannten Nordic-Walker gesichtet. Sie gehören aber aufgrund ihrer raumgreifenden und mitunter etwas lächerlich anmutenden Betätigung zu dem Seniorenkreis, den man innerstädtisch vergeblich sucht. Dieser Spezies begegnet man eher an Uferpromenaden und auf Waldwegen. Nur vereinzelt verirren sich Nordic-Walker in Fußgängerzonen oder Einkaufsstraßen. Das ist auch gut so. Denn Horden solcher Geronto-Aktivisten würden nicht nur das Fortkommen in den Innenstädten erschweren, sie böten ausländischen Gästen auch ein ausgesprochen verzerrtes Bild deutscher Gemütlichkeit.
Der Vorstoß aus Troisdorf ist nicht neu. Der erste Seniorenspielplatz wurde bereits Ende der 90er Jahr im niedersächsischen Schöningen errichtet. Nahe Münster entstand im vergangenen Jahr ein sogenannter Generationenpark – was wohl nur ein anderes Wort für einen Spielplatz ohne Altersbeschränkung ist. Mittlerweile dürfen die Alten auch in Berlin, Frankfurt, Nürnberg und München wieder spielen.
Andere Städte wollen folgen. Bei der Planung, so die Behörden, sei in jedem Fall darauf zu achten, dass die Spielplätze für die letzten Lebensjahre gut einsehbar seien. Im Klartext: wenn die Oma von der Wippe fällt, soll das möglichst jeder mitbekommen, um schnell Hilfe zu holen.
Werden also bald die Parkbänke verschwinden und von Fitnessgeräten für Senioren ersetzt? Gehören all die poetischen Orte, wo die Alten sitzen und den Enkeln beim Spielen zuschauen, bald der Vergangenheit an. Die Gattung „Opa-geht-mit-Enkel-Enten-füttern“ ist endgültig im Aussterben begriffen. Die Zukunft wird uns braungebrannte und durchtrainierte Alte bescheren, 90jährige Skateboard-Fahrer, die auf der städtischen Senioren-Halfpipe abhängen, während ihre Kinder für die Rente ab 75 kämpfen.
Früher war sogar die Zukunft besser.

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Lob der Stoffwechselerkrankung

Einkaufen an sich ist ja kein Problem: Obst und Gemüse vom Wochenmarkt, Milch, Käse, Saft und Schokolade beim Discounter, Brot und Brötchen beim Bäcker von nebenan. Schwierig allerdings wird es beim Kauf einer neuen Hose oder eines Jacketts. Den Kauf eines Jacketts etwa schiebe ich immer lange vor mir her. Und wenn es sich schließlich nicht länger aufschieben lässt, dann ziehe ich etwas unwillig los und breche die Aktion meist schon nach der zweiten Anprobe ab. Die Gründe hierfür sind zahlreich.
Erstens: Ich brauche ja nur ein neues Jackett. Warum also muss ich 11 Jacketts anziehen, um schließlich festzustellen, dass keines das richtige ist? Zu groß, zu konservativ, zu viele Taschen, zu klein, zu modern, zu lang, zu wenige Taschen, zu blass, zu billig, zu teuer, zu unpassend. Ich bin nicht wählerisch. Aber warum hängen in den Läden dermaßen viele Jacketts, die ich nicht haben möchte?
Zweitens: Anproben sind umständlich. Selbst bei Jacketts. Zugegeben: die vollgestopften Plastiktüten mit meinen Wochenendeinkäufen hätte ich besser vorher nach Hause gebracht. Jetzt stehen sie irgendwo zwischen den Tischen voller Hemden und Pullover. Und wenn ich zum nächsten Drehständer mit den Jacketts aufbreche, müssen die schweren Tüten natürlich mit und Schal und Mantel auch.
Drittens: Verkäufer oder Verkäuferinnen scheinen immer genau in dem Moment den Laden fluchtartig zu verlassen, sobald ich ihn betrete. Es ist schlimmer als im Baumarkt. Beratung: Fehlanzeige.
Viertens schließlich: Ich bin entnervt. Denn Lust, mir ein neues Jackett zu kaufen, hatte ich zu keiner Zeit. Und zuhause kommt der Ärger über die verplemperte Zeit dazu. Und der Unmut darüber, dass in absehbarer Zeit die gleiche Tortur wieder ansteht.

Schlimmer, als alleine einzukaufen, ist nur, eine Frau beim Einkauf zu begleiten. Allein schon deshalb, weil sich auch bei angestrengtestem Nachdenken das Rätsel nicht lösen lässt, warum Frauen einkaufen, ohne etwas zu brauchen. Nicht nur freiwillig, sondern leidenschaftlich. Ich habe es aufgegeben nach einer Antwort zu suchen. Stattdessen folge ich nun dem versteckten Rat meiner Tochter: „Du hast ja keine Ahnung, Papa. Frauen sind stoffwechselkrank. Sie müssen einkaufen!“ Richtig. Gefühlte 99% aller Kunden in Boutiquen und Bekleidungsgeschäften sind weiblich. Frauen müssen einkaufen. Sie unterliegen ganz offensichtlich einem genetisch bedingten Kaufzwang, den sie im Idealfall nur durch ihren guten Geschmack rechtfertigen können.
Um wie viel leichter also fällt die Suche nach einem Jackett in weiblicher Begleitung. Geduldig, ausdauernd und unermüdlich empfiehlt meine Bekannte mir ein Jackett nach dem anderen. Diesen Laden könne man ganz vergessen. Sie kenne da noch eine schicke Boutique in einer Seitenstraße, wo wir bestimmt fündig würden. Sie hat die Einkaufstaschen im Blick und hält auch schon mal Mantel und Schal. Jeder Geschäftsführer freut sich über einen Kunden mit einer solchen Begleitung. Er spart das Verkaufspersonal.
Wir sind Stunden unterwegs. Während sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen, scheint meine Begleiterin erst jetzt, nach sechs Geschäften (oder waren es sieben? Oder acht?), richtig in Fahrt zu kommen. Je mehr Jacketts ich anprobiere, umso überzeugter ist sie, dass ich ein echter „Jackett-Typ“ sei und auch mal etwas ganz ausgefallenes tragen könne. Ihr überzeugter und überzeugender Zuspruch zusammen mit meinem völligen Erschöpfungszustand führen schließlich, kurz vor Geschäftsschluss und Einbruch der Dunkelheit, zum Kauf eines bei Lichte betrachtet ordinären Jacketts, das ich Wochen zuvor bereits als völlig unpassend wieder auf den Bügel getan hatte.
Ich denke, dass das Jackett zeitlos ist. Jedenfalls werde ich es mit besonderer Sorgfalt behandeln, um einen Neukauf in möglichst weite Ferne zu rücken.

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Bei Tod Reset-Taste drücken

Was hat der Computer nicht schon alles verdrängt: Schreibmaschinen sind nur noch im Museum zu finden, Bibliotheken werden durch das Internet ersetzt und Haustiere sind heute aus Plastik, vollgestopft mit Elektronik und Computerchips. Sie heißen nicht mehr Hoppel, Muschi oder Waldi, sondern Tamagotchi, Furby und Pleo.
Als Mitte der 90er Jahre das Tamagotchi-Fieber ausbrach, hatte beinahe jedes Kind dieses Eigroße virtuelle Küken, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern musste. Das Tamagotchi meldete sich, wenn es gefüttert werden musste oder Zuneigung brauchte. Hatte man das Tamagotchi zu lange vernachlässigt starb es erbarmungslos. Im Internet fanden sich bald virtuelle Tamagotchi-Friedhöfe. Erst die Reset-Taste machte eine Wiederbelebung möglich. Die spielversessenen Japaner landeten mit dieser Entwicklung einen riesigen Verkaufsschlager.
Wenige Jahre später kam Furby auf den Markt. Furby sah aus wie Gizmo von den Gremlins und war eine liebenswerte Mischung aus Katze und Fledermaus. Furby war ein echtes Plüschtier, vollgestopft mit Sensoren. Furby konnte unterscheiden, ob es gekitzelt oder gestreichelt wird, ob man mit ihm spricht oder es in der Luft bewegt. Auch Furby brauchte Zuwendung um sich zu entwickeln. Zur Belohnung erweiterte sich sein Wortschatz. Bei Vernachlässigung wurde Furby zwar krank, überlebte aber jede auch noch so brachiale Behandlung. Ein Spielspaß also auch für Sadisten.
Tamagotchi, Furby: Alles Schnickschnack. Kein wirklicher Haustier- und Kuschelersatz.
Die neueste Generation virtueller Haustiere hört auf den Namen „Pleo“. Pleo wird bereits als das intelligenteste Spielzeug aller Zeiten gepriesen und beworben. Seine Entwickler haben dem dinosaurierartigen Haustier ein riesiges Arsenal an Mikrochips, Kameras, Sensoren und Motoren unter die Kunststoffhaut gepflanzt, damit es sehen, hören, fühlen, sprechen und - in Grenzen – sogar denken kann. Ziel bei der Entwicklung und Herstellung von Pleo sei es, so der technische Direktor der Herstellerfirma, „Pleo so lebendig zu machen, dass Menschen eine Beziehung zu ihm aufbauen können."
Das hatten wir uns doch eigentlich schon immer gewünscht: eine Beziehung zu Dingen aufzubauen, die sich nicht wehren können. Eine unverbindliche Beziehung gewissermaßen. Hier scheint die technologische Entwicklung endlich einmal die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Bei all den Beziehungswracks die durch unser Leben laufen und uns den Glauben an die Menschheit rauben, passt ein Haustier à la Pleo als therapeutischer Zeitvertreib doch besser als jedes Partnervermittlungsinstitut.
Der rund 400 Euro teure Partner hört aufs Wort und ist nach einstündiger Aktivität bereits dermaßen erschöpft, dass er an die Steckdose muss. Dem Gestaltungswillen des Besitzers stehen schier grenzenlose Möglichkeiten offen. Ausgestattet mit USB- und Infrarotschnittstellen und einer SD-Speicherkarte lässt sich Pleo übers Internet programmieren. Was für ein Traum! Ein Partner mit Speicherkarte, dessen Upload-Code nur ich kenne. Ein Homunkulus für zwischendurch. Einfach süß.
Im Land der unbegrenzten und wahnsinnigen Möglichkeiten sind bereits Passanten mit dem neuen Haustier in öffentlichen Parkanlagen gesichtet worden. Man trifft sich zum Erfahrungsaustausch, wobei sich die niedlichen Roboter gegenseitig beschnuppern. Schreie des Entzückens wechseln bei solchen Treffen mit Tönen ab, die man sonst nur beim Blick in den Kinderwagen hört.
Ob Kinder- und Elterngeld ausreichen, um der virtuellen Konkurrenz zu begegnen, bleibt abzuwarten.

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Hands up!

Es kommt ja eher selten vor, dass wir aufgefordert werden, die Hände zu heben. Ich jedenfalls erinnere mich nicht, dass ich in den letzten Jahren dem ultimativen Kommando „Hände hoch!“ hätte Folge leisten müssen. Überhaupt ist das ja in unseren Breitengraden nicht unbedingt die gängige Form miteinander umzugehen. Wenn wir die Hände heben, dann höchstens im Karneval und dann, bitteschön, „zum Himmel“. Bei Abstimmungen heben wir die Hände und auch mal um auf uns aufmerksam zu machen: „Ich hab‘ da mal 'ne Frage.“
Andere stecken ihre Hände lieber in die Hosentaschen, wie Altkanzler Schröder. Der hatte ja bekanntlich eine ruhige Hand, wobei nicht überliefert ist, ob es die linke oder die rechte war. Manchen sind die Hände gebunden, viele machen sich die Hände nicht schmutzig und andere haben ihre Hände überall mit drin.
Heutzutage gibt man die Hände frei. So, als seien sie vorher in Handschellen gewesen. „SPD-Spitze gibt Ypsilanti freie Hand in Hessen“ und „Frau Merkel gibt von Beust freie Hand für Schwarz-Grün“. Was die Zeitungen in der vergangenen Woche titelten klingt wie der Beginn einer neuen Bewegung: Freie Hände für freie Politiker. Weil nur wer die Hände frei hat, kann selbst bestimmen mit wem er schließlich Händchen hält. Ob die Parteispitzen damit aber weiter ihre Hände über die Koalitionsentscheidungen der Länder halten ist fraglich. Den koalitionären Handschlag haben jetzt die Landespolitiker allein zu verantworten.
Aber, Hand aufs Herz: Wen interessiert das überhaupt? Während immer noch und immer mehr Menschen von der Hand in den Mund leben - trotz sinkender Arbeitslosenzahlen - schaffen andere, unter der Hand, ein Vermögen am deutschen Fiskus vorbei nach Liechtenstein. Manch einen würde ich schon mal gerne mit vorgehaltener Waffe stellen und „Hände hoch!“ fordern, dass ihm die Geldbündel aus den Sakkotaschen fallen. Weniger des Geldes wegen, als vielmehr um solch lichtscheuen Gestalten einen nachhaltigen Schrecken zu versetzen. Aber warum sollte ich mir mit einem so kleinen Verbrechen die Hände schmutzig machen?
Wir werden also weitere Verhaftungen erleben und später Prozessen folgen, deren Urteile uns vermutlich nicht zufriedenstellen werden. So wie schon in der Vergangenheit. Statt „Hände hoch!“ wird es also „Geld her!“ heißen.
Manche werden sich jetzt die Hände reiben und mit Genugtuung den Sturz einzelner „Leistungsträger“ beklatschen, unnachgiebige Härte fordern und nach harten Strafen rufen. Andere stellen ganz lakonisch fest, dass Steuersünder dem zweitältesten Gewerbe der Welt nachgehen und man auch in Zukunft fest mit ihnen zu rechnen hat. Klingt irgendwie realistisch.
Ich jedenfalls habe noch alle Hände voll zu tun, bevor ich in die Verlegenheit komme, mir überhaupt ernsthaft Gedanken darüber zu machen, ob ich meine Steuern nun besser in Liechtenstein, Monaco oder auf den Kaiman-Inseln hinterziehen soll. Derweil lebe ich von meiner Hände Arbeit. Und freue mich über jede aufmunternde Kritik. Das ist schließlich immer noch besser, als in die hohle Hand geschissen.

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Welt verbessern war gestern...

Also gefloppt! Zwar waren die Plakate für den Auftritt nicht ganz so groß, wie die für Tayyip Erdogan, dafür aber hingen sie an wirklich jeder Straßenecke, unübersehbar: „Bruce – die Stylingshow“. Der Mann will Frau zu größerem Selbstbewusstsein und zu einem besseren Aussehen verhelfen. Jetzt wird bekannt, dass die Show Ende März ausläuft, weil die Quote deutlich unter den Erwartungen blieb. Schade eigentlich. Nach dem Motto „Die Welt können wir nicht verbessern, wohl aber unser Aussehen“, führte der nette Therapeut zum Anfassen und Ausheulen die weibliche Provinz auf den Laufsteg und die Landpomeranze vor dem heimischen Bildschirm zu Modelhoffnungen. Sechs Jahre Erfahrung als US-Fallschirmspringer werden dem 50jährigen Darnell bei seinem plötzlichen Sturz nun hoffentlich nützlich sein.
Die ARD hat bereits Anfang Februar mit den Dreharbeiten für eine neue Vorabendshow begonnen. Und gibt damit Singles, wie es heißt, „eine Chance“. Titel der Kuppel-Show: „Ich weiß, wer gut für Dich ist“. 42 Folgen sollen ab Ende März über die Mattscheiben flimmern. Beziehung läuft immer. Besonders dann, wenn man keine hat. Und bekanntlich wissen doch gerade Singles ganz genau, was eine gute Beziehung ausmacht, wie sie funktioniert und was sie dauerhaft erfolgreich macht – theoretisch zumindest. Denn über Beziehungen reden eigentlich nur Singles. Verheiratete Menschen oder solche, die in langjährigen Partnerschaften leben, verlieren selten ein Wort darüber. Es ist wie beim Geld: nur wer keins hat, redet ständig darüber.
Neulich erzählte mir ein Bekannter - geschieden, zwei Kinder und ganz offensichtlich noch von der Wunde der Trennung gezeichnet -, dass er die Bezeichnung „Beziehung“ für das Verhältnis zwischen Mann und Frau unpassend fände und ablehne. Eine „Beziehung“ habe man zu seinem Auto, zu seinem Beruf oder seiner Sukkulentensammlung auf der Fensterbank. Die inflationäre Verwendung des Begriffs „Beziehung“ verbiete es, ihn auf ein Liebesverhältnis anzuwenden.
Enttäuschungen, Verletzungen und ein unfreiwilliges Singleleben zeitigen manchmal befremdende Auswüchse…
Ich hörte ihm etwas verständnislos zu. Seine Versuche mir den Unterschied zwischen einem Liebesverhältnis und einer Beziehung zu erklären, waren ausgesprochen wirr. Und als ich ihm gestand, dass ich eine gute Beziehung einem schlechten Verhältnis vorzöge, blickte er mich nur traurig an. Es war ganz offensichtlich: er hatte keine „Beziehung“.

Seit einigen Wochen ist mein Bekannter nur schwer zu erreichen. Zuhause ist er selten, und auch ans Telefon geht er nicht mehr. Grund: er hat eine Freundin. Mit dem Reden über Beziehungen ist es vorbei. Naja, frisch Verliebte sind ja sowieso nicht ansprechbar. Und vermutlich würde er mich nur verständnislos angucken, wenn ich ihn fragen würde, ob er nun ein Verhältnis oder eine Beziehung hat.
Reden lässt sich im Grunde genommen doch nur über Dinge, die nicht in Ordnung sind, über Mängel und Defizite, über Probleme und Unzulänglichkeiten. Ein verliebtes Paar: wie langweilig. Eine intakte Ehe: selten, aber uninteressant.
Und so ist das erklärte Ziel der neuen Dating-Show denn auch das „Ende des Single-Daseins“. Das Happy End, mit dem noch jede Schnulze endet.

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